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Nürtinger Zeitung, 30.3.2004
Leidensgeschichte in neuer Gestalt
Aufführung des Rockoratoriums "Jesus am Ölberg" in der Jakobskirche
WENDLINGEN-BODELSHOFEN (itt). Kein anderes Gotteshaus hätte für die Aufführung des Rockoratoriums "Jesus am Ölberg" besser geeignet sein können als die Bodelshofener Jakobskirche. Auf den 500 Jahre
alten gotischen Wandmalereien, welche die Kirche auch künstlerisch bedeutsam machen, sind eben jene Stationen vom Leben und Sterben Christi zu sehen, die in dem Oratorium musikalisch abgehandelt werden. Eine
weitere Parallelbeziehung war zwischen Text und Musik gegeben. Nicht nur sind die Wurzeln der Musik, die das Oratorium tragen, in der Neuen Welt zu suchen, auch der Textteil des Werkes war ganz in englischer Sprache
gehalten.
Dass es nicht immer Bach sein muss, wenn es um das Passionsgeschehen geht, zeigte der Zuspruch, den das Rockoratorium fand. In der - allerdings nicht großen - Kirche waren am Sonntag alle Plätze besetzt.
Aufgeführt wurde das Werk von der Kirchheimer Gruppe Opera Nova; die Musik stammt aus der Feder von Werner Dannemann. Nicht alltäglich war der Einsatz der von Elke Rogge gespielten Drehleier, einem Instrument aus
den Anfängen europäischer Musik. Es wirkte über Strecken nicht nur als eine Art Generalbass, es sorgte auch für die selten zu hörende Kombination der ruhigen Klangbilder früher Musik mit den Aufgeregtheiten
des aus dem Jazz geborenen Rock.
Überhaupt sind viele Stilrichtungen in die Musik des Oratoriums eingegangen. Elemente des Free Jazz sind ebenso zu hören wie Anklänge an den Blues oder orientalisierende Melismen. In ihren eindringlichsten
Abschnitten schwingt sich die Musik auf zu Klangkombinationen von überraschender Intensität, wenn etwa die Geburt Jesu bejubelt wird, die Versuchung Gestalt annimmt in den verführerischen Modulationen der
Querflöte oder die Gefangenschaft in ausweglosen Kreisbewegungen zum Ausdruck kommt. Dabei verfängt sich das Oratorium zu keiner Zeit in den Netzen ausgesprochener Programmmusik, von der ersten Note an bleibt sie
ihrem variablen Duktus rhythmisierter Beschwingtheit treu.
Für den mächtig aufrauschenden Abschnitt "Saviour speak" (Erlöser sprich) mit einem wie frei improvisierenden Saxophon (Christina Epple) gab es Beifall auf offener Szene. Werner Dannemann, der Komponist,
spielte an dem Abend die Gitarre und übernahm als Sänger eine tragende Rolle. Wie er in der Szene "Jesus am Ölberg" zu einem dunkel getönten Ostinato in der Drehleier die Gitarre lispeln ließ oder mit
gespensterhaft stumpfen Akkorden die Bedrängnisse dieser Nacht verdeutlichte, war ein Klagegesang von ganz eigener Art. Die in gebändigten Abwärtsbewegungen gehaltenen Stimmen Daniela Epple (Mezzosopran) und
Katharina Schwarz (Sopran) vervollständigten diese Nachtmusik voller Trauer und verstörender Echos.
Auf den trauernden Gestus der Musik zu "Jesus am Ölberg" folgte der von allen Stimmen und Instrumenten getragene Jubel der Auferstehung mit einer so luftigen und ausgeklügelten musikalischen Figur im
"Amen", dass es schon an die Kunst der barocken Meister erinnerte. Die Zustimmung des Publikums übertraf bei weitem das Maß des Höflichkeitsbeifalls. "Wir spüren, dass es Ihnen einigermaßen
gefallen hat", sagte Werner Dannemann und bewegte sein Ensemble zu einer Zugabe. Sie bestand in "Silence and Peace", dem Titelsong des Werkes.
Pfarrerin Ute Biedenbach, die eingangs begrüßt hatte, sprach auch das Schlusswort. Sie lobte das Ensemble für das spirituell-musikalische Erlebnis und dankte dem Publikum für die Bereitschaft, sich neuen Formen
in der Gestaltung der Leidensgeschichte zu öffnen.
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