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Mehr als nur Rockrhythmen

 

Bemerkenswertes Konzert von Werner Dannemann in der relativ gut besetzten Stadtkirche

 

Die Drehleier, das mittelalterliche Instrument der Minnesänger und Troubadoure, sirrt und summt noch intensiver, als es ein Keyboard je könnte, während zwei Sängerinnen mit filigranem Folkgesang und so viel Sopransüße die Stimme eines Sängers umschmeicheln wie Engel, die dem Prediger seinen größten Wunsch erfüllen. Nur die akustische Gitarre, meist ganz zart gezupft, bisweilen auch mal dynamisch-perkussiv geschrubbt, schlägt modernere, rocknahe Töne an. Doch wer in Songtiteln wie „Sapientia“ (Weisheit), „Disciple“ (Jünger) oder „The Seed is the Word of God“ (Der Same ist das Wort Gottes) auf die englische oder lateinischen Texte achtet, gewinnt erneut den Eindruck, hier gehe es um mehr als um Rockrhythmen und –Riten, hier würden ewige Fragen verhandelt, höhere Mächte bemüht.

 

Und eben dies versucht Werner Dannemann, einer der besten und bekanntesten Rockgitarristen nicht nur der Region, schon seit geraumer Zeit. Der christliche Glaube, so Pfarrer Steffen Kaupp vor Dannemanns gefeiertem Konzert in der Stadtkirche, ziehe sich wie ein roter Faden durch seine Künstlerkarriere. Freilich, Rockmusiker setzen sich mit ewigen Wahrheiten auseinander, seit sich ihre Generation, spätestens seit Mitte der 60er, von den Werten der Wohlstandsgesellschaft abwandte. Somit macht der Kirchheimer Sänger, Songschreiber und Gitarrist mit dem Projekt Opera Nova (neue Werke) nichts völlig Neues. Er umhüllt geistlich-sakrale Inhalte und Zitate Thomas von Aquins, Hildegard von Bingens oder solche aus der englischen Bibel mit einer Musik, die sich zwar harmonisch weit vom Bluesschema entfernt hat, ihre Ästhetik und Stilistik letztlich aber doch der Rockmusik verdankt. Zum Konzert in die relativ gut besuchte Stadtkirche kommen Leute, die sonst wohl selten in einer Kirche zu sehen wären.

 

Sie hören Musik, die die melodische Schönheit des Folk, die Komplexität des Kunstliedes und den Druck des Rock zum stimmigen Ganzen verbindet. Vor allem kompositorisch hat Dannemann eine Klasse erreicht, wie sie kaum zu steigern sein dürfte. Die Stücke sind nicht schlichte Songs, sondern Kompositionen, bis zu zehn Minuten lang und mit unterschiedlich aufgebauten Teilen, die weit über das Schema Strophe – Bridge – Refrain hinausweisen. Es gibt kaum vorhersehbare Akkordfolgen, die Melodien nehmen überraschende Wendungen, die Harmonien folgen verschlungenen Wegen, nutzen auch rockfremde Skalen, etwa wenn „Sapientia“ mit modalem Drehleier-Dröhnen im Stil einer indischen Tamboura beginnt und Dannemann mit Arpeggio-Fantasien einsteigt, die nicht zuletzt auch sein Können als Gitarrist bezeugen.

 

Ganz wichtig für den Opera Nova-Sound: Elke Rogges klangintensive Drehleier-Einlagen. Sie spielt auch Querflöte, entpuppt sich durchaus als klang-kreativ, aber mit der Drehleier macht sie schier Unglaubliches. Mancher guckt ganz genau hin, ob da nicht doch irgendwo ein elektronisches Hilfsmittel versteckt ist. Dabei verdankt sich der sirrende, schwirrende Sound ganz allein dem Einfallsreichtum der Solistin.

 

Aber was wäre das Projekt ohne die beiden Sängerinnen Daniela Epple und Katharina Schwarz? Ihr feingesponnenes Sopran-Säuseln, das bei Bedarf auch mal kräftiger wird und in „Redeemer“ (Erlöser) gar eine Art Rap-Einlage birgt, macht Opera Nova noch unverwechselbarer. Das will was heißen bei diesen einmaligen Kompositionen, der gelungenen Instrumentierung, dem berückenden Gesang Dannemanns, dessen Stimme oft die ganz hohen Passagen übernimmt. Egal, ob es sich um Barock (eher weniger) oder Rock (eher mehr) handelt, ob die Schönheit des Folk (meist) oder die Emphase des Gospel (gelegentlich, etwa im abschließendem „Amen“), der Opera Nova-Sound prägt. Hier hat Dannemann sein Lebenswerk zumindest begonnen, wenn nicht gar zum ersten Höhepunkt geführt. Und das klingt vermutlich nicht nur in der Kirche außergewöhnlich.